Leitmotiv Integration

zitiert aus: DFB (2011). Integration von A-Z. Frankfurt/Main: Deutscher Fußball Bund. S.74f

Definition:

Integration findet auf verschiedenen persönlichen und gesellschaftlichen Ebenen statt, die sich ideal- typisch trennen lassen. Strukturelle Integration schafft die gesellschaftlichen Vorrausetzungen für Integration, zum Beispiel die rechtliche Gleichstellung, und eröffnet Migrant/innen den Zugang zu gesellschaftlichen Gütern und Positionen. Zugleich entwickeln Migrant/innen wichtige Kompetenzen, wie die Sprachbeherrschung oder den Umgang mit sozialen Regeln und Gesetzen der Aufnahmegesellschaft. Soziale Integration entsteht durch den persönlichen Kontakt und Austausch zwischen Migrant/innen und Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft. Der dadurch ermöglichte Prozess des Einlebens in das neue Umfeld wird als kulturelle Integration bezeichnet. Eigene kulturelle Traditionen, Werte und Normen kommen dabei auf den Prüfstand. Durch Identifikation entwickeln Migrant/innen ein Gefühl von Zugehörigkeit zur Aufnahmegesellschaft. Entgegen diesem idealen Modell gibt es allerdings in Politik und Wissenschaft ganz unterschiedliche Konzepte wie Integration verlaufen soll und welche Ziele und Anforderungen damit verbunden sind.

Assimilative Integrationskonzepte fordern von Menschen mit Migrationshintergrund die größtmögliche Anpassung an die Kultur der Aufnahmegesellschaft. Integration wird als eine einseitige Verpflichtung zur Veränderung verstanden. Die Forderung nach Assimilation geht weit über das Erlernen der Landessprache hinaus und hat kulturelle Gleichheit zum Ziel. Die Realität sieht dennoch anders aus. Einerseits lassen sich kulturelle Unterschiede und Identitäten nicht einfach wegwischen. Andererseits sind die Grenzen kultureller Identität fließend und verändern sich durch soziale Interaktion. Die Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, zwischen „Deutschen“ und „Migrant/innen“ ist deshalb keineswegs einfach. Selbst anpassungswilligen Migrant/innen stellt sich mitunter die Frage „Woran anpassen?“. Jeder Mensch ist anders – eine vollständige kulturelle Übereinstimmung (Assimilation) kann es nicht geben. Zudem müssen Gründe und Dauer des Aufenthalts im neuen Land beachtet werden. Je kürzer der geplante Aufenthalt, desto weniger Anpassung ist notwendig. Die einseitige Forderung nach Assimilation zeugt von Ignoranz gegenüber den kulturellen Traditionen. Dies verhindert langfristig Verständigung und Akzeptanz und wirkt Anreizen für Teilhabe entgegen.

Ein anderes Integrationskonzept lässt sich unter dem viel kritisierten Begriff der „Multi-Kulturellen Gesellschaft“ zusammenfassen. Ziel von Integration ist hier ein Zusammenleben verschiedener Kulturen unter dem Dach der Bundesrepublik. Dieses pluralistische Integrationskonzept fordert eine größtmögliche Toleranz gegenüber Fremden. Ein Assimilationszwang besteht nicht, die Kulturen von Einwander/innen und Deutschen können daher dauerhaft voneinander getrennt bleiben. Dadurch entstehen allerdings Reibungspunkte und Konflikte, wo divergierende Interessen aufeinander treffen oder verschiedene Werte oder kulturelle Regeln nicht miteinander vereinbar sind. Multikulturalität wird insofern als Bereicherung der Gesellschaft wahrgenommen (zum Beispiel beim Essen), solange die eigenen Positionen und Werte nicht in Gefahr geraten.

Kritiker/innen dieses Ansatzes der Multikulturalität wenden ein, dass ein solches Integrationsverständnis kein „Miteinander“, sondern ein langfristiges „Nebeneinander“ fördert. Unterschiede oder Konflikte werden dann vorschnell nach dem Motto „Wir sind eben anders“ kulturalisiert und relativiert. Eine bedingungslose Toleranz verhindert die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, die alle gleichermaßen betreffen. Es gibt Regeln, die von allen akzeptiert werden müssen, von Alteingesessenen ebenso wie von Neuankömmlingen, da sie ein friedliches Zusammenleben erst ermöglichen. In erster Linie sind dies die Werte des Deutschen Grundgesetzes, des Rechtsstaates und der politischen Beteiligung.

 

Gesellschaftliche Bedeutung

Integration ist zu einem zentralen Begriff der gesellschaftspolitischen Debatten in Deutschland geworden. Lange Zeit galt Deutschland nicht als Einwanderungsland, obwohl dies faktisch der Fall war. Migration und Gastarbeit wurden als „Übergangsphänomene“ angesehen. Kaum jemand dachte daran, dass die angeworbenen Menschen dauerhaft in Deutschland bleiben. Folglich gab es keine Integrationspolitik, sondern Ausländerpolitik.

Mittlerweile hat sich das geändert. Die Förderung von Integration gehört nicht zuletzt angesichts der demographischen Entwicklung zu den wichtigsten gesellschaftspolitischen Aufgaben unserer Zeit. Das Thema ist jedoch nicht auf Deutschland beschränkt. Die fortschreitende Globalisierung und Europäisierung der Politik führen die internationale Dimension des Themas vor Augen. Die Länder Europas haben sich zu pluralistischen Gesellschaften mit vielfältigen Kulturen und Lebensstilen entwickelt. Der klassische Nationalstaat mit homogener Bevölkerung und Kultur tritt in den Hintergrund.

Inzwischen wurde die Zuwanderungs- und Staatsbürgerschaftsgesetzgebung in Deutschland neu geregelt, um Einbürgerung zu erleichtern und die rechtliche Sicherheit und politische Teilhabe der Migrant/innen zu verbessern. Die Versäumnisse der Vergangenheit lassen einige Integrationsprobleme heute noch deutlicher hervortreten. Teilweise Ausgrenzung und Diskriminierung auf der einen sowie teilweise räumliche Segregation, kulturelle und soziale Abschottung auf der anderen Seite, können Missverständnisse und Vorurteile zwischen Aufnahmegesellschaft und Minderheiten befördern. Desintegrationsprozesse bedeuten gerade für die junge Generation eine gesellschaftliche Sackgasse. So besitzen Menschen mit Migrationshintergrund noch immer geringe Bildungs- und Berufschancen. Andererseits führt die befürchtete Entstehung von kulturellen „Parallelwelten“ zu einer Polarisierung der Fremd- und Selbstwahrnehmungen der migrantischen Lebenswelten und zum Teil sogar zu Konflikten mit deutschen Gesetzen und Wertauffassungen.

Integration heißt Interaktion. Integration hat die größten Chancen auf Erfolg, wenn sie auf Akzeptanz und Verständigung setzt. Der erste Schritt dahin ist ein gemeinsames Bekenntnis. Die Mitglieder einer Gesellschaft sollten sich zu kultureller Vielfalt, heterogenen Lebensstilen, Traditionen und Religionen bekennen. Zugleich müssen alle deutlich machen, dass sie daran aktiv partizipieren wollen. Die Basis für gelungene Integration ist ein wechselseitiger Verständigungsprozess. Statt übereinander sollte miteinander gesprochen werden. Gegen Ausgrenzung, Diskriminierung oder Rassismus muss gemeinsam entschlossen vorgegangen werden. Interaktionistische Integration toleriert nicht einfach die Vielfalt der pluralistischen Gesellschaft, sie schafft zugleich Räume für Gemeinsamkeiten und Verständigung. Wichtige Bereiche der Gesellschaft wie Politik, Kultur und Sport sollten gemeinsam gestaltet werden.

Dabei hilft das Bewusstsein, dass Integration nicht „von allein“ stattfindet. Integration ist eine Gemeinschaftsaufgabe, bedeutet aber auch eine persönliche Anstrengung. Jeder Einzelne ist aufgefordert, durch seine Beteiligung an Entscheidungs- und Verständigungsprozessen Integration zu ermöglichen. Partizipation und Anerkennung gehen dabei Hand in Hand. Wer von Anfang an eingebunden ist und seine eigenen Standpunkte zu hinterfragen weiß, lernt auch abweichende Meinungen oder kulturelle Auffassungen zu akzeptieren. Integration und die Entwicklung interkultureller Kompetenz gehören zusammen. Ein Integrationsziel sollte daher sein, individuelle Entfaltung ebenso zu ermöglichen, wie kulturelle Zugehörigkeit und gesellschaftliche Identifikation.

Integration ist ein langfristiger und nachhaltiger Prozess ohne festen Endpunkt, denn Gesellschaften sind keine statischen Gebäude, sondern flexibel und veränderlich. Kulturelle Traditionen, Mentalitäten und Werte prägen die Gesellschaft, aber neue Einflüsse und Veränderungen von innen und außen stellen diese immer wieder auf die Probe und beeinflussen das Zusammenleben und die Kultur.

Die verschiedenen Ebenen von Integration bedingen sich gegenseitig. Identifikation ist ohne soziale Integration schwer vorstellbar. Soziale Integration ist wiederum von Rahmenbedingungen abhängig. Dazu gehören insbesondere eine gemeinsame Sprache und die Einhaltung von verbindlichen Regeln des Zusammenlebens, insbesondere der Gesetze. Einen zentralen Schlüssel für Integration stellt Bildung dar. Qualifizierung und Chancengleichheit im Ausbildungssystem sichern Migrant/innen Partizipationschancen und führen zu gesellschaftlicher Anerkennung. Strukturelle und soziale Integration muss gefördert werden, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen. Integrationsarbeit bedeutet deshalb Hilfe zur Selbsthilfe sowie zu Empowerment und Eigeninitiative zu ermutigen und diese zu ermöglichen.

 

Bedeutung für den Fußball:

Die Erwartungen an den Sport als Motor für Integration sind hoch. Integration im Sport lässt sich in zwei Bereiche unterscheiden. Integration in den Sport heißt Menschen mit Migrationshintergrund zur Teilnahme am Sportgeschehen und Mitgliedschaft in einem Sportverein zu bewegen. Integration durch den Sport bedeutet, dass auch über den Sport hinaus Integration gefördert und persönliche und gesellschaftliche Entwicklungen angestoßen werden.

Teilhabe zu fördern und damit die Möglichkeit für soziale und kulturelle Integration zu eröffnen, ist das Ziel von Integration in den Sport. Menschen mit Migrationshintergrund, die bisher noch nicht aktiv sind, sollen zur Teilhabe am organisierten Sport ermutigt werden. Die Chancen gerade für den Fußball stehen gut, denn Fußball ist nicht nur in Deutschland die Sportart Nr. 1, sondern gehört weltweit zu den beliebtesten Sportarten. Die Einstiegshürden scheinen niedrig, denn vielen ist Fußball bereits aus ihren Herkunftsländern vertraut.

Allerdings gibt es auch Vorbehalte. Insbesondere Mädchen mit Migrationshintergrund sind in deutschen Vereinen stark unterrepräsentiert. Traditionelle Geschlechterrollen, religiöse Körper- und Bekleidungsvorschriften, Bildungsdefizite oder mangelnde Informationen über die Vereine werden zur Begründung herangezogen. Teilweise müssen kulturelle Hürden überwunden und strukturelle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Vereine, Trainer/innen und Betreuer/innen sollten um Vertrauen werben, um innerfamiliären Spannungen oder Identitätskonflikten, die durch die Sport- oder Fußballbegeisterung der Töchter entstehen können, vorzubeugen. Den unterschiedlichen Sporttraditionen, Körperverständnissen oder religiösen Vorschriften sollte Beachtung geschenkt werden. Einige Sportvereine reagieren darauf beispielsweise mit einer Anpassung ihrer sportlichen Angebotspalette oder kooperieren mit Schulen und Freizeitstätten.

Vereine können als Vermittler zwischen Aufnahmegesellschaft und Migrant/innen fungieren. Im Idealfall bieten Sportvereine Räume für persönliche Entfaltung, Interaktion und soziale Integration, denn gemeinsames Sporttreiben kann Vertrauen und kulturellen Austausch fördern. Die Aktivität im Sportverein verbessert die individuellen Chancen auch in anderen Bereichen. Der gemeinsame Sport fördert soziale Kompetenzen, die auch in anderen Bereichen der Gesellschaft wichtig sind, zum Beispiel Sprachkompetenz. Besonders für jüngere Spieler/innen sind Vereine wichtige Sozialisationsorte, wo soziale Verantwortung eingeübt und das eigene Verhalten an gültige Werte und Normen angepasst werden kann. Sport hat das Potenzial, das nötige Selbstbewusstsein zu vermitteln, sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft zu engagieren. Im Sport erfahrene Anerkennung wirkt sich positiv auf die individuelle Zufriedenheit aus und fördert gesellschaftliche Identifikation. Soziale Kontakte können außerhalb des Spielfeldes weitergeführt und vertieft werden. Freundschaften zwischen Spieler/innen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft unterstreichen Gemeinsamkeiten und überbrücken Unterschiede. Positive Erfahrungen im Verein fördern eine Wahrnehmung, die kulturelle Vielfalt als Bereicherung und Integration als ein erstrebenswertes Ziel wahrnimmt.

Chancen und Probleme des „Integrationsmotors Fußball“ liegen allerdings dicht beieinander, denn Fußball wird nicht nur miteinander, sondern auch gegeneinander gespielt. Die Spannung guter Fußballspiele ergibt sich aus der Rivalität der Teams. Der Wettstreit um sportliche Dominanz wird jedoch von einigen gelegentlich als Kampf um soziale oder kulturelle Vorherrschaft gedeutet. Dann werden gesellschaftliche Konflikte auf dem Fußballplatz weitergeführt, beispielsweise, wenn sich Teams unterschiedlicher ethnischer Herkunft begegnen. Einige sehen den Fußball zudem als Plattform, um ihre fremdenfeindlichen, homophoben, rassistischen oder antisemitischen Ansichten zu artikulieren. In diesen Fällen stehen Menschen im Fußball der Integration im Wege. Verständigung und Akzeptanz muss gefördert werden.

 

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