Leitmotiv Anerkennung

zitiert aus: DFB (2011). Integration von A-Z. Frankfurt/Main: Deutscher Fußball Bund. S.18f

Definition:

Anerkennung ist eine Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sowohl hinsichtlich der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen als auch hinsichtlich des Geltungsanspruches von Werten und Normen. Anerkennung beruht auf Wechselseitigkeit (Reziprozität). Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein wichtiges Motiv sozialen Handelns und hat großen Einfluss auf die Stabilität sozialer Beziehungen. Die Verweigerung von Anerkennung ist daher ein soziales Sanktionsmittel. Anerkennung wird zuweilen synonym zu Akzeptanz, der aktiven oder passiven Zustimmung zu Entscheidungen oder Handlungen, sowie synonym zu Respekt, einer Form sozialer Achtung, verwendet.

Anerkennung wird in verschiedene Formen unterteilt: persönliche, institutionalisierte und soziale Anerkennung. Die Psychologie geht davon aus, dass die Erfahrung persönlicher Anerkennung in den sogenannten Primärbeziehungen zu Familie und Freunden, durch Zuwendung, Respekt, Empathie und Lob entscheidend zur Entwicklung eines positiven Selbstbewusstseins und Selbstvertrauens beiträgt. Durch Rückversicherung mit der sozialen Umwelt entwickelt sich eine individuelle Identität.

Institutionalisierte Anerkennung bezeichnet die rechtliche Gleichstellung einer Person oder Gruppe innerhalb eines bestimmten Geltungsbereichs. So folgt auf die Einbürgerung die Anerkennung der Staatsbürgerschaft. Sie ist die Basis der Teilhabe und Gleichberechtigung aller Bürger. Gesetze beruhen auf einer wechselseitigen Anerkennung, die durch das Recht auf politische Mitbestimmung garantiert wird. Auch Flüchtlinge oder Asylbewerber/innen benötigen eine rechtliche Anerkennung. Ausschluss und institutionelle Diskriminierung verwehren dagegen Anerkennung.

Soziale Anerkennung meint die Zustimmung und Wertschätzung individueller Besonderheiten und alternativer Lebensformen. Anerkennung ist hier das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die von kultureller Vielfalt geprägt ist, jedoch dem Individuum keine Lebensweisen aufdrängt. Die Erfahrung als Mensch und Persönlichkeit anerkannt zu werden, stärkt das Selbstwertgefühl und die Solidarität des/r Einzelnen. Anerkennung ist daher eine Grundvoraussetzung zur Selbstverwirklichung. Das Gegenteil von sozialer Anerkennung wäre beleidigendes, rassistisches oder auf andere Weise diskriminierendes Verhalten.

Gesellschaftliche Bedeutung:

Persönliche, institutionelle und soziale Anerkennung sind eng miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig. Rechtliche Anerkennung garantiert „unter Gleichen“ an der Gesellschaft teilhaben zu dürfen. Soziale Anerkennung bestärkt die freie kulturelle Entfaltung. Persönliche Anerkennung legt den Grundstein dafür, diese Möglichkeiten auch wahrnehmen zu können. Dazu gehören Selbstachtung sowie der Respekt gegenüber Anderen. Für die individuelle Selbstverwirklichung ist die Anerkennung kultureller, sozialer oder geschlechtsspezifischer Unterschiede grundlegend. Die wechselseitige Anerkennung von Vielfalt wird dann zu einem Teil der eigenen Identität.

Wechselseitige Anerkennung bestimmt auch das rechtliche Verhältnis von Migrant/innen und Aufnahmegesellschaft. Einerseits müssen Menschen mit Migrationshintergrund als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft rechtliche und soziale Anerkennung erhalten. Anderseits müssen Migrant/innen auch die Gesetze und Regeln der Aufnahmegesellschaft anerkennen.

Gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe erfordern die selbstbewusste Artikulation der eigenen Bedürfnisse und Interessen durch Individuen und Gruppen. Abweichende Meinungen oder unterschiedliche kulturelle Auffassungen müssen daher anerkannt, aber auch zur Debatte gestellt werden. Dabei ist die Chance aller auf gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Dialogen wichtig. Integration sollte einen Anerkennungsprozess unterstützen, der bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen das Selbstbild selbstbewusster Bürger fördert.

Leider gibt es Menschen, die ihre Ansprüche nach sozialer Anerkennung, Integration oder Akzeptanz in Form von Gewalt ausdrücken. Verschiedene Formen von Gewalt und Extremismus haben ihre Wurzeln in versagter sozialer Anerkennung. Die Entwicklung einer gemeinsamen Kultur der Anerkennung ist ein gesamtgesellschaftliches Ziel, zu dem Teilbereiche wie Familie, Schule, Politik und Sport beitragen können.

Bedeutung für den Fußball:

Die Förderung einer Kultur der Anerkennung im Sport und im Fußball bedarf unterschiedlicher Formen spielerischen und verletzungsfreien Wettbewerbs. Durch Spiele können gegenseitiger Respekt, Fairplay und Anerkennung gelernt werden. Fußball hat dafür als populärster Mannschaftssport Deutschlands aufgrund seiner Breitenwirkung eine besondere Bedeutung. Die Achtung der körperlichen und seelischen Integrität von Mitspieler/innen, Gegenspieler/innen, Schiedsrichter/innen und Zuschauer/innen ist unverzichtbar für das Spiel.

Fußball ist ein technisch anspruchsvolles, emotionales und kampfbetontes Spiel, bei dem sportliche Erfolge sowohl von den individuellen Fähigkeiten der Spieler/innen als auch von ihrem Zusammenspiel und Teamgeist abhängen. Fußball lehrt den Umgang mit Rückschlägen (Frustrationstoleranz). Sportliche Niederlagen bedeuten keine vorenthaltene Anerkennung oder Versager/innen zu sein. Dieses Selbstverständnis müssen Trainer/innen vermitteln. Rituale wie der Handschlag während und nach dem Spiel helfen, dieses Selbstverständnis zu leben.

Die Entwicklung sportpädagogischer Kompetenzen ist eine wichtige Aufgabe der Trainer/innen. Leistungsunterschiede zwischen Spieler/innen müssen nicht ignoriert werden, doch sollte Anerkennung auch auf der Grundlage individueller Anstrengungen und Lernerfolge bemessen werden. Jede erlebte Anerkennung steigert das Selbstwertgefühl der Spieler/innen und damit auch ihre Teilhabechancen und Erfolgsaussichten in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Eine Kultur der Anerkennung im Verein bedeutet, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, unterschiedlichen Geschlechts, Menschen mit und ohne Behinderung, ob arm oder reich gleichermaßen ein Gefühl der Geborgenheit und des Auf- und Angenommenseins zu vermitteln. Die Rücksichtnahme auf religiöse Vorschriften und Feste gehören genauso dazu, wie der Respekt vor persönlichen Schamgrenzen oder dem individuellem Umgang mit Alkohol.

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